Dr. Steffi Melz: „Arzt behandelt Patienten, Amt bekämpft Pandemie“

Die Zahl der Corona-Fälle ist gestiegen, die Laborkapazitäten sind ausgereizt. Bund und Land haben ihre Teststrategie geändert, umgesetzt werden muss sie vor Ort. Die amtierende Leiterin des nordsächsischen Gesundheitsamtes, Dr. Steffi Melz, erklärt das Vorgehen.

Wer krank ist, geht zum Arzt – gilt das auch für die Corona-Pandemie?

Dr. Melz: Auf jeden Fall. Der Hausarzt behandelt den Patienten. Das Gesundheitsamt bekämpft die Pandemie.

Wo liegt der Unterschied?
Der Arzt entscheidet anhand der Symptome seines Patienten über das weitere Vorgehen. Bei typischen Covid-19-Symptomen wie Atemwegsbeschwerden mit Fieber oder Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns wird er in der Regel einen PCR-Test vornehmen. Ist der Befund positiv, geht die Meldung an das Gesundheitsamt. Unsere Aufgabe ist es dann, die Infektionsketten zu ermitteln und zu unterbrechen, indem der Positivfall und seine unmittelbaren Kontaktpersonen in Quarantäne versetzt werden. Wir können nicht jeden Einzelnen vor einer Ansteckung bewahren, aber wir müssen versuchen, eine Massenausbreitung in der Bevölkerung zu verhindern, damit das Virus nicht ungebremst in Risikogruppen rauscht und unser Gesundheitssystem überrollt.

Wen testet das Gesundheitsamt?
Die Richtlinien des Robert-Koch-Instituts und die Erlasse des Sächsischen Sozialministeriums setzen uns dafür den Rahmen. Grundsätzlich ist es momentan so, dass wir die unmittelbaren Kontaktpersonen zu einem Positivfall nur noch dann testen, wenn sie symptomatisch werden oder ihre räumliche, zeitliche und persönliche Nähe so groß war, dass eine Ansteckung sehr wahrscheinlich ist. Dazu gehören auch jene Menschen, die von ihrer Corona-Warn-App die Meldung erhalten, dass sie Kontakt zu einem Infizierten hatten. In jedem Fall ordnen wir für alle unmittelbaren Kontaktpersonen eines Positivfalls, die sogenannten KP 1, also Kontaktpersonen ersten Grades, eine vierzehntägige Quarantäne an. Wenn in dieser Zeit keine Symptome auftreten, ist die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung äußerst gering. Die Inkubationszeit beträgt in den allermeisten Fällen fünf bis sechs Tage. Die Quarantäne ist für die Eindämmung der Pandemie somit wirksamer als ein Test, denn der liefert nur eine Momentaufnahme.

Und Ausnahmen bestätigen die Testregel?
Wir müssen uns jeden Einzelfall genau anschauen und können erst dann entscheiden. Am besten wird das am Beispiel Corona in der Kita deutlich: Im Raum Oschatz herrscht derzeit das stärkste Infektionsgeschehen. Als es dort in einer Kita zu einem Corona-Fall kam und mehrere Kinder symptomatisch wurden, haben wir entschieden, alle infrage kommenden Personen zu testen, zumal alle miteinander in Kontakt standen. 14 Tage in Quarantäne müssen sie sowieso, die Einrichtung ist in dieser Zeit geschlossen. In Taucha wiederum ist das Infektionsgeschehen eher gering. Hier erhielt die Erzieherin einer Kita einen Positivbefund. Durch das offene Betreuungskonzept standen ebenfalls alle miteinander in Kontakt, sodass wir die Einrichtung gleichfalls schließen und alle 150 Personen in Quarantäne schicken mussten. Symptomatisch war aber niemand und eine Testung somit nicht angezeigt. In einer Kita in Jesewitz wiederum ließ sich genau abgrenzen, mit welchen Kindern eine positiv getestete Erzieherin unmittelbaren Kontakt hatte. Die Einrichtung konnte geöffnet bleiben, nur die Betroffenen wurden in Quarantäne geschickt und aufgrund von mehreren Erkältungsfällen vorsorglich getestet. Alle waren negativ, bleiben als KP 1 aber trotzdem in Quarantäne, die Gefahr einer weiteren Ausbreitung ist gebannt.

Um nicht ganze Einrichtungen schließen zu müssen, sollten die Gruppen also lieber abgegrenzt werden?
Natürlich empfehlen wir dringend, in Zeiten der Pandemie das offene Konzept aufzugeben und die Gruppen voneinander zu trennen. Aber wir wissen natürlich auch, dass damit Personalprobleme einhergehen und dann möglicherweise die Öffnungszeiten in einer Kita verkürzt werden müssen, was wieder neue Probleme schafft.

Warum wird beispielsweise für Geschwisterkinder keine Quarantäne angeordnet?
Wenn das in Quarantäne versetzte Kind als unmittelbare Kontaktperson zum Positivfall gesund ist, müssen nachfolgende Kontaktpersonen nicht in Quarantäne. Wird es symptomatisch und daraufhin positiv getestet, dann würden Eltern und Geschwister allerdings zu Kontaktpersonen ersten Grades und müssten auch in Quarantäne.

Wird am Ende der Quarantäne getestet?
Wer keine Symptome hatte oder seit mindestens 48 Stunden keine mehr hat, bei dem läuft die Quarantäne nach 14 Tagen aus. Nur asymptomatische Kontaktpersonen, die mit vulnerablen Gruppen zu tun haben, wie medizinisches Personal und Pflegekräfte beispielsweise, werden vor Ende der Quarantäne getestet, um sicherzugehen, dass sich das Virus nicht in kritischen Bereichen verbreiten kann. Auch Kinder, die Kontaktpersonen ersten Grades in ihrem familiären Umfeld waren, testen wir, bevor sie wieder in ihre Kita oder Schule gehen dürfen. Keiner wird mit dieser Entscheidung allein gelassen. Wir erkundigen uns täglich nach dem Befinden und können jederzeit reagieren.