Authentischer Zeuge von 500 Jahren Evangelischer Tradition

Die Schlosskapelle gilt als der erste evangelische Sakralbau, den Martin Luther - kurz vor seinem Tod - am 5. Oktober 1544 weihte. Er rühmte diesen Kirchenbau mit den Worten: "Salomo hat nirgends einen so schönen Tempel gebaut, als Torgau hat."
Die Kapelle hebt sich aus dem gesamten Baukörper des Schlosses lediglich durch das Portal hervor. Das Innere des Kirchraumes ist im Wesentlichen original erhalten. Der Altar ist ein einfacher, freistehender, von vier Engeln getragener Tisch. Ursprünglich befand sich darauf ein Flügelaltar von Lucas Cranach, d. Älteren. Einzig die Kanzel durchbricht die Symmetrie des Raumes. Die Bildwerke der Kanzel, Arbeiten von Simon Schröter, zeigen Szenen aus dem Leben Jesu. Ursprünglich ergänzten Gemälde von Lucas Cranach, die an den Brüstungen der Emporen angebracht waren, das Bildprogramm im Innenraum. Die Proportionen und Raumeindruck der Torgauer Schlosskapelle folgen den neuen liturgischen Erfordernissen des evangelischen Gottesdienstes mit Predigt, Sakramentsliturgie und Gemeindegebet. Der saalartige Bau mit zwei umlaufenden Emporen, die in die Wandpfeiler „eingehängt" werden. Mit dieser zentralen architektonischen und inhaltlichen Ausrichtung auf das Wort Gottes wurde dieses Raumverständnis beispielgebend für eine Reihe bedeutender evangelischer Sakralbauten, in deren Tradition z. B. die Dresdner Frauenkirche steht.

Martin Luther durchbrach hier erstmals die Tradition des herkömmlichen Weihe-Rituals. Diese liturgische Form, den Gottesdienstraum in Gebrauch zu nehmen, besitzt noch heute Gültigkeit. Sie ist allein bestimmt durch den Vollzug von Verkündigung und Gebet. An der Ausgestaltung dieses Gottesdienstes war auch die Johann-Walter-Kantorei beteiligt, die bezeichnend ist für die überregional bedeutende musikgeschichtliche Entwicklung der bürgerlichen Kantorei. Dieser Chor stand in der Tradition der Lutherischen Idee, dass die Knaben und bürgerliche Laien deutsche Psalmen im Gottesdienst singen sollten.

Am 5. Oktober 1544 zeigte sich die Schlosskirche Torgau in ihrer äußerlichen Gestalt im Wesentlichen so wie heute. Es handelt sich um eine Saalkirche mit zweigeschossig umlaufenden Emporen und Kreuzrippengewölbe. Äußerlich hob sich die Kapelle nur durch das figürlich gestaltete Rundbogenportal aus dem übrigen Baukörper des Flügels B ab. Im Inneren erschließt sich der übersichtliche Kirchraum dem Betrachter vom Portal aus gesehen zunächst über die Kanzel, die sich nahezu mittig an der elbseitigen Längswand befindet. Die Längsseiten werden erschlossen durch je drei vorgelagerte Arkaden, die durch Gurtbögen mit den Außenwänden verbunden sind und beide Emporen umlaufen. Die Querseiten bilden heute ein heterogenes Erscheinungsbild. Unüblich ist die Aufstellung des Altars im Westen. Dieser steht auf einem zweistufigen Podest. Die Altarmensa wird getragen von vier vollplastischen Engeln und ist damit von allen Seiten zugänglich und einsehbar. In dieser Gestalt dürfte der Altar auch zum Zeitpunkt der Weihe

Hinter dem Altar erhebt sich mittig eine Säule ohne Kapitell, die sich in zwei halben Rundbögen öffnet und die Orgelempore trägt. Rechts neben der Säule ermöglicht ein Rundbogenportal den Zugang zur Sakristei.

Einschneidende Änderungen erfuhr die östliche Querwand. Die heutige Erscheinung entspricht nicht dem Zustand von 1544. Bauforschungen konnten auch hier, analog zur Westwand, eine Säule nachweisen, die dem Raum vorgelagert war und die darüber befindliche Empore auf einem Segementbogenfeld trug.

An der Stelle, wo sich heute die Dedikationstafel befindet, ermöglichte ursprünglich ein Rundbogenportal (wie jenes zur Sakristei) den Zugang nach außen. Auf der ersten Empore korrespondierte damit auf den Emporen eine Wandnische, welche die Kapelle mit dem Gemächern des Kurfürsten verband.

Bildschmuck

Die Kanzel ist ein Werk des Torgauer Bildhauers Simon Schröter. Der Korb aus Sandstein wird geziert durch Reliefs mit Szenen aus dem Leben Jesu (Jesus und die Ehebrecherin, der 12-jährige Jesus im Tempel, die Austreibung der Händler und Wechsler aus dem Tempel). Derzeit befinden sich in der Schlosskapelle keine Tafelbilder. Ob jene zum Zeitpunkt der Weihe vorhanden waren, ist fraglich. Gesichert ist das Vorhandensein von Bildwerken aus der Cranachwerkstatt ab 1545. So befand sich zum Bsp. auf dem Altartisch ein Flügelaltar .... , der im 17. Jahrhundert durch einen Alabasteraufsatz aus der Dresdner Hofkirche getauscht worden ist. Der Retabel Cranachs gilt heute als verschollen. In den Segmentbögen zwischen den Rundbögen befanden sich ebenfalls Bildwerke aus der Cranach-Werkstatt. Motivisch zeigten diese Gemälde Elias und die Baalspriester, Christus am Ölberg, Ausstellung Christi, Christus an der Geißelsäule.


Nutzung

Die Schlosskapelle diente dem kurfüstlichen Hofstaat als Versammlungsraum zum Gottesdienst. Die Sitzordnung war vermutlich Hierarchisch motiviert. Auf der ersten Empore hatte der Kurfürst seinen Platz. Der Stuhl von Kurfürst Johann Friedrich stand demnach nicht gegenüber der Kanzel, sondern in direkter Verbindung zum abgrenzenden Kurfürstlichen Gemach im 1. OG an der Ostseite. Die Emporen in der zweiten Geschosshöhe waren der „frawen kammer" (südlich) und den „Jungen Herren" (den Söhnen des Kurfürsten; nördlich) vorbehalten. Ihre Aufenthaltsräume in Torgau befanden sich im zweiten, vorwiegend aber im 3. OG. Wo genau die Gemahlin des Kurfürsten, Sybille, dem Gottesdienst folgte, kann nicht restlich geklärt werden, wahrscheinlich aber in der zweiten Empore über dem Platz des Kurfürsten. Verzeichnet sind überdies auch Stühle für die kurfürstliche Familie im Kirchenschiff.

Eine der beiden Nischen an der südlichen Längsseite war dem kurfürstlichen Kämmerer Hans von Ponickau vorbehalten, dessen Wohnräume im westlichen Kapellentrum lagen. Seine Frau hatte ihren Platz allerdings im Kirchenschiff.

Die Empore über dem Altar auf der Westseite nutzte die Johann-Walter-Kantorei. Angebracht wurde da auch die aus Lichtenburg abgebrochene Orgel. Auch für die Kantorei war ein weiterer Platz in der Kirche reserviert: Offenbar gab es vor den Stufen des Altars, neben dem Pfeiler westlich der Kanzel einen eigens für die „Cantorey" abgegrenzten Raum.
Die Besetzung der Empore auf der Seite der Kanzel kann nicht mehr nachvollzogen werden.

An der Ausgestaltung dieses Einweihungsgottesdienstes war auch die Johann-Walter-Kantorei beteiligt. Verbunden mit dem Torgauer Schloss ist demnach auch die überregional bedeutende musikgeschichtliche Entwicklung der bürgerlichen Kantorei. Noch im Jahr 1491 gründete Kurfürst Friedrich der Weise seine Hofkapelle in katholischer Tradition. Unmittelbar nach dessen Tod 1525 löste Johann der Beständige diese Kapelle auf. Dies führte zu einem Bruch in der liturgischen Tradition. Bald danach konstituierte sich die Johann Walter Kantorei. Diese stand in der Tradition der Lutherischen Idee, dass die Knaben der Torgauer Latein-Schule deutsche Psalme im Gottesdienst singen sollten. Zu diesen gesellten sich Adjuvanten (ehrenamtliche Bürger). Dies ermöglichte nun wieder die Aufführung 4-stimmiger Chorwerke. Dies bedingte die Gründung der ersten ehrenamtlichen Kantorei und die Darbietung der ersten Deutschen Choräle. Die Johann-Walter-Kantorei wurde vorbildhaft für das bürgerliche Kantoreiwesen und prägt dieses bis ins 21. Jahrhundert.

Reformationsgedenken

Im Auftrag des Landkreises Nordsachsen fertigt der nordsächsische Künstler Volker Pohlenz im Jahr 2012 ein Historiengemälde. Erstmalig findet hier die wissenschaftliche und künstlerische Auseinandersetzung mit diesem Thema statt. Das Gemälde liefert eine Vorstellung, wie sich die Torgauer Schlosskapelle anlässlich der Weihe am 5. Oktober 1544 präsentiert haben könnte.